Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Am bezeichnendsten für Carl Joseph von Wreden sind vielleicht das Amt, das er nicht angetreten hat, und die Gründe dafür. Denn als Krönung seiner Laufbahn hatte sein Arbeitgeber, der Großherzog Ludewig I. von Hessen vorgesehen, ihn zum Erzbischof von Mainz zu machen. Jedoch verweigerte der Papst seine Zustimmung, und zwar, weil es bekannt sei, dass v. Wreden von nicht orthodoxer Lehre, von mehr als zulässig freien Sitten gewesen, die den Guten zum Ärgerniß und öffentlich gebrandmarkt waren. Ein Geistlicher, der als Bischof in Frage kam - und doch nach Meinung des Papstes zu wenig sittenstreng und zu fortschrittlich war! Wer war dieser Mann?

Mannheim, Heidelberg, Nancy, Darmstadt

Carl Joseph von Wreden wurde 1761 in Mannheim geboren. Er studierte Theologie in Heidelberg und Nancy. Mit 23 Jahren war er bereits Geistlicher geworden und hatte es bis zum Vorleser und Berater des Erzbischofs von Köln in juristischen Angelegenheiten gebracht. Als Napoleon Deutschland eroberte und umgestaltete, war von Wreden 43 Jahre alt und hatte sich als Kirchenjurist einen Namen gemacht. In der Folge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, der das Ende der geistlichen Territorien im Reich bedeutete, wurde er nicht etwa entlassen – was angesichts seines Status als Geistlicher nahegelegen hätte –, sondern vom Landgrafen von Hessen-Darmstadt, dem neuen Landesherren großer Teile des aufgelösten kurmainzischen Staates, in dessen General-Organisation-Commission berufen. 

In dieser Funktion war von Wreden verantwortlich für den Studienplan für die Bensheimer Schulen, der 1804 in Kraft trat. Er  sah nicht nur die Umwandlung der alten Lateinschule in ein Gymnasium vor. Er ordnete das gesamte Bensheimer Schulsystem neu. In der Präambel heißt es: Der Zweck aller Schulanstalten ist, rechtschaffene, tugendhafte, christlich denkende Menschen, brauchbare, wohlunterrichtete Bürger des Staates zu bilden.

Der erste Abschnitt des Studienplans handelt dann (v)on den Volksschulen. Ihre Aufgabe sollte es sein, die Zöglinge nur mit den für das bürgerliche Leben gemeinnützigen Kenntnissen vertraut zu machen. Zwar stand der sogenannte Elementarunterricht im Vordergrund, aber hier sollte mindestens im gleichen Maße ein Unterricht stattfinden, der auch den Verstand der Kinder übt.

Der gymnasiale Studienplan

Aus der 1686 gegründeten Lateinschule wurde im Studienplan das Gymnasium. Tatsächlich enthielt der neue Lehrplan entscheidende Veränderungen. Von Wreden betonte im Studienplan die praktisch-utilitaristische Funktion der Schulbildung; auch solche Jünglinge, die sich keiner sogenannten Fakultätswissenschaft widmen wollen, (sollen) mit Übergehung der toten Sprachen an demjenigen Realunterricht teilnehmen können, der ihnen in ihrem bürgerlichen Leben nützlich sein kann, was bei dem mathematischen, geographischen, naturgeschichtlichen und deutschen Sprachunterricht der Fall ist. Obwohl Latein und Griechisch im Unterricht auch weiterhin einen breiten Raum einnahmen, kamen nun Mathematik, Technologie, Geographie, Physik und Schönschreibekunst – als Grundlage der damaligen Büroarbeit unentbehrlich – neu hinzu, erhielten mehr Stunden oder wurden inhaltlich auf den neuesten Stand gebracht. Die Praxisorientierung wird zum Beispiel im Deutschunterricht deutlich. Hier sollte die Abfassung von Briefen, Quittungen, Zeugnissen und dergleichen geübt werden. Ein Industriegarten sollte den Schülern die Grundlagen des Obst- und Gartenbaus vermitteln. Im Unterschied zum heutigen Schulbetrieb war die Dauer des Schulbesuchs nur ungefähr vorgeschrieben. Im Studienplan heißt es: Der Kurs dauert der Regel nach fünf Jahre. Ausnahmen waren jedoch möglich. Wenn zum Beispiel ein Schüler erkennen ließ, dass er ein bestimmtes Themengebiet bereits beherrschte, konnte er in die nächste Klasse aufrücken, was relativ häufig vorkam. Die Verweildauer auf der Schule differierte daher von Schüler zu Schüler um mehrere Jahre.

Im Zusammenhang mit der Erstellung des Studienplans wurde von Wreden im Jahre 1804 zum Geheimen Staatsreferendar für die katholischen Kirchen- und Schulsachen berufen. Damit war er gleichsam zum Kultusminister für das katholischen Schul- und Bildungswesen im Großherzogtum Hessen ernannt worden. In dieser Funktion konnte von Wreden 1819 durchsetzen, dass in Bensheim auch ein katholisches Schulseminar errichtet wurde. In den Schulseminaren wurden damals die Volksschullehrer ausgebildet. Bis dahin gab es im Großherzogtum Hessen nur ein evangelisches Schulseminar in Friedberg. Von Wreden ist, so gesehen, auch für das Gebäude des heutigen AKG verantwortlich.

Aber damit hatte die Karriere von Wredens noch nicht ihr Ende erreicht. Bis 1820 war er Geheimer Staatsrat geworden. Die Zufriedenheit seines Landesherrn äußerte sich schließlich in der oben erwähnten Designation zum Erzbischof von Mainz im Jahre 1827. Von Wreden war mittlerweile 66 Jahre alt. Die Reaktion des Papstes auf diesen Vorschlag war jedoch eine schroffe Ablehnung.

Für den Papst zu fortschrittlich

Dafür gab es drei Gründe. Zum einen stand von Wreden in dem Ruf, zu fortschrittlich zu sein (s.o.). Zum anderen hatte er sich im Rahmen der Frankfurter Conferenzen energisch für die dort propagierten Allgemeinen Grundsätze eingesetzt, die eine größere Unabhängigkeit der katholischen Kirche in Deutschland gegenüber Rom vorsahen. Schließlich hatte er sich auch in juristischen Aufsätzen sehr kritisch mit den Rechten der römischen Kurie gegenüber den deutschen Katholiken auseinandergesetzt. Er vertrat die Auffassung, dass die Kurie sich zu weitgehende Rechte angemaßt hätte und dass diese Rechte in Zukunft beschränkt werden sollten. Wohlweislich waren manche dieser Schriften anonym herausgegeben worden, aber seine Urheberschaft ließ sich auf Dauer nicht geheimhalten.

So endeten seine Karriere und sein Leben mit einem Patt: der Papst wollte ihn nicht akzeptieren, aber Ludewig I. blieb stur und benannte keinen anderen Kandidaten. Der Bischofssitz blieb vakant, bis von Wreden im Jahre 1829 starb.

(Dirk Scheffler)

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