Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Am Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg zu einem beliebten Lebensraum für Künstler des Jugendstils und Anhänger der Lebensreform. Noch heute bekannt ist die Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe mit ihren Aufsehen erregenden Ausstellungen nach 1901. Und selbstverständlich die weiter im Süden liegende und 1910 gegründete Odenwaldschule, eines der wichtigsten Zentren der Reformpädagogik. Nicht zuletzt wegen solcher Institutionen lebten an der Bergstraße auch viele Schriftsteller, deren Namen heute weitgehend vergessen sind, obwohl sie in ihrer Zeit auch über die Region hinaus bekannt waren. Adam Karillon in Weinheim, Karl Ernst Knodt in Bensheim, Ernst Pasqué in Alsbach, Helene Christaller in Jugenheim sind hier zu nennen. Aber auch Wilhelm Holzamer aus Heppenheim und Daniel Greiner aus Jugenheim.

Daniel Greiner (1872–1943) gehörte ab 1903 für drei Jahre der Künstlerkolonie an, wirkte dort vor allem als Bildhauer und Grafiker. 1907 ließ er sich in Jugenheim nieder, gründete eine Werkstatt für Grabmalkunst und wurde einer der bedeutendsten deutschen Künstler auf diesem Gebiet. Ebenfalls 1907 gründete er die Zeitschrift "Die Kunst unserer Heimat", eine der wichtigsten regionalen deutschen Kulturzeitschriften jener Zeit. In ihr wurden alle Äußerungsformen von Kunst gesammelt und Projekte der Lebensreform vorgestellt. Sie umfasste das ganze Spektrum der Kunst jener Zeit – vom Jugendstil bis zu den Anfängen des Expressionismus. Josef Olbrich, der führende Repräsentant der Darmstädter Mathildenhöhe,  hatte noch kurz vor seinem Tod den Umschlag der Zeitschrift gestaltet. Zu den Mitarbeitern gehörten auch die erwähnten Schriftsteller Wilhelm Holzamer (1870–1907) und Karl Ernst Knodt (1856–1917).

Die Söhne von Karl Ernst Knodt und Wilhelm Holzamer besuchten das Bensheimer Gymnasium. Theodor Knodt, geboren am 21. November 1891 in Oberklingen, wurde 1905 in die Quarta des Gymnasiums aufgenommen, nachdem er zuvor ausschließlich privat unterrichtet worden war. Vermutlich wegen schwacher Leistungen meldete ihn sein Varer noch vor Schuljahrsende, nämlich am 10. Februar 1906, ab.

Reifezeugnis "ohne Prüfung"

Otto Holzamer, geboren am 7. August 1898 zu Heppenheim, besuchte das Gymnasium – nach dem Tode seines Vaters – vom Herbst 1910 bis zum 8. August 1916, und zwar von Quinta bis Unterprima. Dann wurde er eingezogen und blieb im Heeresdienst bis in das Jahr 1919 hinein. Am 3. März 1919 erhielt er "das Zeugnis der Reife ohne Prüfung" aufgrund einer Vereinbarung der Bundesstaaten der neu gegründeten Weimarer Republik, weil er Ostern 1916 regelrecht nach Unterprima versetzt worden war.

Theo Knodt verpasste mit seiner Abmeldung im Februar 1906 eine wesentliche Veränderung im Bensheimer Gymnasium: Im Schuljahr 1906/1907 wurden nämlich erstmals Mädchen aufgenommen. Otto Holzamer hingegen gehört zu den Bensheimer Schülern, deren gymnasiale Bildung durch den Ersten Weltkrieg – durch frühzeitige Einberufungen, freiwillige Meldungen zum Kriegsdienst und Notreifeprüfungen – empfindlich gestört oder sogar beendet wurde. Im Schuljahr 1914/15 meldeten sich 29 von insgesamt 239 Schülern des Gymnasiums freiwillig zum Kriegsdienst. Hinzu kamen sechs freiwillige Meldungen zum Sanitätsdienst. Von den Schülern aus der Zeit zwischen 1914 bis 1918 fielen 24 im Krieg, außerdem zwei Lehrer. Zählt man die ehemaligen Schüler und Lehrer hinzu, dann hatte das Gymnasium über 35 Tote zu beklagen.

Suizid eines Untersekundaners

Daniel Greiner, der Herausgeber der Zeitschrift "Die Kunst unserer Heimat", veränderte nach dem Krieg sein Wirken radikal, obschon sein bisheriges Leben harte Brüche aufzeigte: Nach dem Studium der Theologie und Philosophie in Gießen promovierte er mit einer Arbeit über Kant. Ab 1897 wirkte er als Theologe und Lehrer in Schotten im Vogelsberg. Weil er nicht mehr an die jungfräuliche Geburt Jesu glauben konnte, verließ er sein Amt und wurde Künstler. – Nach dem Krieg schloss Greiner sich der KPD an, war ab 1924 Fraktionsvorsitzender dieser Partei im hessischen Landtag und fertigte als Bildhauer einige Kriegerdenkmäler an. Anstelle einer Person zeigen wir hier Greiners "Kriegerehrenmal", das er 1928 in Bauschheim errichtete. Greiner lehnte als Kommunist und Landtagsabgeordneter das Gymnasium strikt ab und forderte eine für alle verbindliche Volksschule. Auch seine Familie verpflichtete er auf dieses Programm. Nach 1919 verbot er seinen Kindern, auf das Gymnasium zu gehen.

Das war nicht immer so. So besuchte das zweite seiner insgesamt zehn Kinder, der am 14. Februar 1901 noch in Schotten geborene Arnold, das Bensheimer Gymnasium, nachdem er, wie auch Theo Knodt, zuvor Privatunterricht erhalten hatte. Arnold Greiner besuchte das Gymnasium zur gleichen Zeit wie Otto Holzamer, allerdings war er zweieinhalb Jahre jünger. In der handschriftlichen Chronik des Gymnasiums vermerkte Direktor Kieser 1915 einen Todesfall, den wir zunächst mit dem Weltkrieg in Verbindung brachten. Dort heißt es:

"28.11. Unter der Nachwirkung eines epileptischen Anfalls, der schon einige Vorgänger hatte und auf erbliche Belastung zurückzuführen ist, erhängte sich der Schüler der Untersekunda Arnold Greiner, Sohn des ehemaligen evang. Pfarrers und jetzigen Bildhauers Dr. Greiner zu Jugenheim in einem Tannenwäldchen bei der Station Hähnlein, kurz nachdem ihn s. jüngerer Bruder auf einige Zeit verlassen hatte; seine Leiche wurde auf den Friedhof von Alsbach gebracht und dortselbst in Abwesenheit der Eltern beerdigt. An dem Leichenbegräbnis 1. Dez. 1915 ½ 4 Uhr beteiligten sich jedoch seine sämtlichen Klassenkameraden unter Führung des Klassenführers Prof. Goehle, der dem so früh Entschlafenen einen ehrenden Nachruf und eine Kranzspende widmete. Der Verstorbene war ein geweckter und treuherziger Knabe, der sehr kräftig entwickelt, vollsaftig und über seine Jahre geistig lebendig war."

Die gefallenen Schüler wurden schon im Krieg und dann vor allem nach 1918 jährlich als Helden geehrt. – Arnold Greiner war in diesem Sinne kein Held. Auch in seiner Familie wurde nicht mehr über ihn gesprochen.

(Matthias Gröbel)

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