Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Hans Sternheim (1900-1983) bezeichnete seinen Lehrer Gustav Zwissler in seinen Erinnerungen und Betrachtungen als Beispiel für religiös-sittliche Weisheit. Sternheim schreibt weiter: Er, der hochintelligente Philologe, war der beste Kritiker des von mir literarisch Geschaffenen. Der spätere Präsident des Verwaltungsgerichts Darmstadt, Wilhelm Dexheimer (1912-1987), erinnerte sich wie folgt an seinen Klassenlehrer:...

Studienrat Zwissler, den wir, zu seiner straffen und oft auch streng wirkenden Art passend ,Zwiwwi' nannten, war ein besonders vielseitiger, lebensnaher und geistig aufgeschlossener Lehrer. Er konnte, besonders in seinen jüngeren Jahren, auch recht hart und unnachsichtig sein; er ließ sich so leicht nichts vormachen. Ich selbst vergesse nicht seinen hervorragenden Deutschunterricht in den Oberklassen, in dem er uns sowohl die Klassiker als auch die Moderne mit Toleranz nahezubringen verstand. Wolfgang Hamberger (geb. 1930), Fuldaer Oberbürgermeister, zählte Lehrer vom alten Schlag wie Zwissler auch in der NS-Zeit zu den bestimmenden Persönlichkeiten.

Studium in Gießen

Gustav Theodor Zwissler wurde am 12. August 1888 als Sohn der Eheleute Theodor Zwissler (1841-1922) und Hermine, geb. Dauch (1855- 1940) in Bensheim geboren. In der Rodensteinstraße 75 betrieben seine Eltern ein Baumaterialgeschäft. Von 1898 bis 1907 besuchte er das Gymnasium Bensheim. Auf sein Studium der Romanistik, Klassischen Philologie und Germanistik an der Universität Gießen schloss sich das erste Vorbereitungsjahr an der Oberrealschule Alsfeld an, ab 21. Oktober 1912 ein zweites am Gymnasium Bensheim, wo er am 1. Oktober 1913 zum Lehramtsassessor ernannt wurde.

Vom 5. August bis 1. Oktober 1914 gehörte Zwissler der Ersatzreserve zur Verwendung von Befestigungsarbeiten in der Umgegend von Mainz an. Am 11. Oktober 1915 rückte er als Kanonier zum 1. Rekrutendepot 3. Ersatz- Bataillon Feldartillerie Rgt. 25 Darmstadt ein. Im November 1918 im Rang eines Leutnants zurückgekehrt, heiratete er in Bensheim am 14. Mai 1921 die Lehrerstochter Maline Schäfer (1895-1967). Aus der Ehe gingen die Kinder Dr. Theo Zwissler, Pia Schwabenland und Hermine Ludwig hervor.

Katholischer NS-Gegner

Zwissler, praktizierender Katholik und Wähler der Deutschen Zentrumspartei, weigerte sich nach 1933 der NSDAP oder dem NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) beizutreten. Trotz mancher Ungerechtigkeiten in der Behandlung von Schülern, "die wider den Stachel löckten, und ihrer manchmal negativen Beurteilung im Zeugnis und bei der Versetzung und trotz manchen Ärgers" dürfe nicht übersehen werden, dass zahlreiche weitere Kollegen keine Parteimitglieder gewesen seien. "Während an anderen Schulen und Behörden das Leben für ein Nicht-Parteimitglied vielfach fast unerträglich war, kamen z.B. Denunziationen so gut wie nicht vor." Dennoch sei das Unterrichten schwer genug gewesen, da dem Lehrer noch nicht urteilsfähige Schüler, teilweise Fanatiker, gegenüber saßen, "die durch die Ideen der HJ verseucht waren. Er hatte die Wahl, Märtyrer zu werden – und das nicht einmal, denn bei massiver Gegnerschaft wäre er einfach verschwunden und, ohne Blutzeuge zu werden, irgendwo verhungert oder zu Tode geprügelt worden – oder aber er mußte sich durchlavieren." Gerhard Stephan, ehemaliger Lehrer am AKG, fasst Zwisslers Erinnerungen so zusammen: "Gustav Zwissler beschreibt in seinem kritisch-bitteren Rückblick die Nöte der Lehrer, die in kritischer Distanz zum nationalsozialistischen System standen." Bei offiziellen Schulveranstaltungen trat Zwissler mit Klavierdarbietungen auf. Am 11. Mai 1935 hielt er eine Rede "auf die Leistung und Ehren der Mutter".

Am 25. Oktober 1944 wurde er zu Westwallarbeiten dienstverpflichtet, wobei er sich einen hartnäckigen Bronchialkatarrh zuzog. Die Wochen vor Einmarsch der Amerikaner hielt er sich in einer Erdhöhle in der Nähe seines Anwesens Nibelungenstraße 54 versteckt, weil er vor einem Racheakt Bensheimer Nazis gewarnt wurde. Zwissler und Dr. Johannes Bensel (1892-1985) wurden von der amerikanischen Militärregierung mit der vorläufigen Übernahme des Direktorats beauftragt. Nach seiner Pensionierung am 1. Februar 1953 nahm er bis 1955 einen Lehrauftrag am Gymnasium wahr und erteilte bis in die siebziger Jahre am Fideliskolleg der Kapuziner unentgeltlich Lateinunterricht.

Neben Literatur und Musik galten seine Interessen der heimischen Flora und Fauna, den Sitten und Lebensgewohnheiten der Bensheimer sowie der heimischen Mundart. Er verfasste die "Bensheimer Sprachschatzballade". Das Kapitel "Wörter hebräischen oder jüdischen Ursprungs in der Bensheimer Mundart" in Ludwigs Hellriegels "Geschichte der Bensheimer Juden" aus dem Jahr 1963 geht maßgeblich auf Gustav Zwissler zurück. Von 1929 bis 27. Mai 1933 verwaltete er ehrenamtlich das Archiv der Stadt Bensheim. Die Vergütung stiftete er dem Schwimmbad-Bauverein.

Aus Zwisslers Tätigkeit als Waidmann resultierte der Kontakt zu Siegfried Hiller (1900-1942), der nebenberuflich als Tierpräparator arbeitete. Von Hans Sternheim wissen wir, dass Zwissler den als Juden verfolgten Hiller unterstützte: "So setzte er sein Leben aufs Spiel, als er die Hiller-Adler-Familie in der Kasinostraße durch heimlich zugesteckte Lebensmittelpakete vor dem frühen Hungertod schützte." Am Vorabend ihrer Deportation wollte Ida Hiller (1904-1942) ihm als Zeichen der Dankbarkeit Schmuck anbieten. "Aber Gustav Zwissler hat es nicht angenommen und die schwere Schuld von vielen auf seine damals selbst nicht mehr jungen Schultern treulich gelegt."

Gustav Zwissler starb am 31. Dezember 1973 in seiner Heimatstadt Bensheim.

(Franz Josef Schäfer)

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