Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Um 1900 lag der Anteil der jüdischen Schüler am Bensheimer Gymnasium mit etwa 7% deutlich über dem jüdischen Bevölkerungsanteil im Einzugsgebiet der Schule. In der Bildungsnähe der jüdischen Familien sahen Teile der nicht-jüdischen Bevölkerung eine Bedrohung durch eine Minderheit, die sich anschickte, die Schlüsselpositionen der Macht in Wirtschaft und Politik zu erringen. Die NS-Regierung reagierte darauf im April 1933 mit einem Gesetz, das die Aufnahme nichtarischer Schüler auf 1,5% der insgesamt Neuaufzunehmenden und die Gesamtzahl nichtarischer Schüler auf 5% beschränkte.

Als die Reichsregierung am 15. November 1938 nach den Novemberpogromen beschloss, dass es nun keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden könnte, jüdische Schüler zu unterrichten, hatten in Bensheim die letzten jüdischen Schüler das Gymnasium schon seit mehr als zwei Jahren verlassen.

Das wirft Fragen auf: Warum und wohin verließen die jüdischen Schüler das Gymnasium? Lag es auch am Klima in der Schule?

1989 befragte eine Schülergruppe des AKG emigrierte Überlebende, ob sie sich fremd an der eigenen Schule gefühlt hätten. Die befragten ehemaligen Schüler – der letzte von ihnen hatte 1933 sein Abitur abgelegt – reagierten irritiert. Als Fremde hatten sie sich nie empfunden und so seien sie auch nicht behandelt worden. Übereinstimmend berichteten die Befragten, dass es vor 1933 niemals offenes antijüdisches Verhalten von Mitschülern gegeben habe.

Kind armer Eltern

Hans Sternheim konnten die Schüler schon damals nicht mehr befragen; der prominenteste Bensheimer Jude starb am 18. Dezember 1983 in den USA. Geboren wurde er am 22. November 1900 in Heidelberg, wo seine Eltern Rudolf und Helene Sternheim damals erfolglos versuchten, sich mit einer Verkaufsstelle für die Bensheimer Mützenfabrik Thalheimer zu etablieren. Diese Mützenfabrik wurde von Helenes Bruder Max Thalheimer geleitet. 1904 zogen Rudolf und Helene Sternheim mit ihrem Sohn zurück nach Bensheim. Im Ersten Weltkrieg wirkte sein Vater als freiwilliger Krankenpfleger. Nachdem Hans Sternheim am 11. Februar 1921 die Abiturprüfung bestand, konnte er nicht studieren. Denn seine Eltern waren eigentlich arme Leute. Stattdessen begann er eine Banklehre. Nebenher erschienen erste Artikel im Bergsträßer Anzeigeblatt. 1925 wurde Sternheim dann selbst verantwortlicher Redakteur bei den Weinheimer Nachrichten. Gleichzeitig studierte er in Heidelberg zwei Semester Jura, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie.

Dachau und Emigration

Im März 1927 heiratete Hans Sternheim Else Osterberg. Mit seinem Schwiegervater Max Osterberg leitete er in Stuttgart bis 1938 zwei jüdische Verlagshäuser. Am 10. November 1938 wurde Sternheim verhaftet und nach Dachau verbracht. Nach der Freilassung konnte er mit seiner Frau und der am 28. April 1930 geborenen Tochter Edith im März 1939 in die USA emigrieren. Der nun mittellose Hans Sternheim arbeitete dort in verschiedenen Jobs und versuchte, auch publizistisch wieder Fuß zu fassen. Die größte Sorge galt seinen noch immer in Bensheim wohnenden Eltern. Sie mussten 1941 in die ehemalige Juddeschul in der damaligen Hintergasse ziehen. Alle noch in Bensheim verbliebenen Juden wurden in solchen Judenhäusern konzentriert. Dort führten die ehemals angesehenen Mitbürger ein Leben wie Aussätzige mitten unter den Augen aller anderen. Im September 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Hans Sternheims Eltern wurden ebenso wie mindestens 15 frühere Schüler des Bensheimer Gymnasiums Opfer des Holocaust.

Kritischer Beobachter der deutschen Verhältnisse

Trotzdem war Hans Sternheim später bereit, in einen engen Austausch mit seiner ehemaligen Heimatstadt zu treten. 1972 erschien von ihm im Jahrbuch des AKG eine Gedenkschrift für seine Eltern, in der er über die Bräuche der jüdischen Gemeinde in Bensheim berichtet und über das Schicksal des jüdischen Volkes reflektiert. In den Jahren 1972/73 und 1976/77 veröffentlichte er 46 Aufsätze im Bergsträßer Anzeiger. In diesen Erinnerungen und Betrachtungen erweist sich Hans Sternheim als ein aufmerksamer, aber auch kritischer Kommentator des Zeitgeschehens. Er empört sich z.B. darüber, dass 1975 der Prozess Simon Wiesenthals gegen den Bensheimer Holocaust-Leugner Manfred Roeder scheiterte. Entsetzt ist er, dass in der Stadtgeschichte von 1966 die NS-Zeit in wenigen Zeilen abgehandelt wird und die deportierten Juden überhaupt keine Erwähnung finden. Stattdessen sei in dieser Festschrift von den 1500 Displaced Persons in Bensheim wie von Besatzern die Rede. Lobend erwähnt Sternheim, dass nun eine Schule den Namen der Geschwister Scholl und eine Straße den von Wilhelm Leuschner trägt. Und er erzählt vom Gymnasium: Diese meine Schule und viele ihrer Lehrer habe ich nie vergessen. Sie hat meinen Geist und Charakter geprägt, und mir selbst in der ›Neuen Welt‹ geholfen, einem harten Neubeginn mit dem klassischen Stoizismus zu begegnen, der, mit vielem anderen, im Bensheimer Gymnasium gelehrt wurde. Mit besonderer Verehrung erinnert er sich an seinen 1973 verstorbenen Lehrer Gustav Zwissler. Dieser sei nie ein Nazi, sondern immer Humanist gewesen und habe Juden in Notsituationen geholfen.

Hans Sternheim zeichnet von seiner Schule ein ungemein positives Bild. Von Antisemitismus findet sich kein Wort. Das frühe Verschwinden der jüdischen Schüler nach 1933 bleibt somit ähnlich unerklärt wie die Verhaltensänderung der Nachbarn, die von einem Tag auf den anderen seine Mutter nicht mehr kannten. Was uns von Hans Sternheim aber bleibt, ist sein optimistischer Blick, der sich aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart und Zukunft richtet. Und es ist vor allem seine humanistische Haltung, wie sie in den Worten der Antigone hervortritt, die Hans Sternheim zitiert: Nicht mitzuhassen – mitzulieben bin ich da!

(Hannes Pahlke)

[Zurück zur Porträtliste]