Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Um das Programm der umfassenden Erneuerung des deutschen Bildungswesens nach 1945 zu beschreiben, welches nicht weniger als den geistigen, moralischen und politischen Neuanfang einer ganzen Nation intendierte, reichte damals genau ein Wort: reeducation. Doch welche Personen konnten glaubhaft und kompetent den bildungspolitischen Neubeginn verkörpern und in die Wege leiten?

Dr. Kozelka, von der US-Besatzungsmacht im Oktober 1945 mit der Leitung des Bensheimer Gymnasiums betraut, war dort kein Unbekannter: Im März 1933, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme Adolf Hitlers, wurde er an ebendieser Schule nach neun Jahren Lehrtätigkeit aufgrund mangelnder Treue zur nationalsozialistischen Bewegung entlassen. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs galt er der US-Militäradministration als Garant einer Umerziehung der Jugend im neuen Geist. Viel mehr als diese knappe bildungspolitische Vorgabe der reeducation wurde dem neuen Schulleiter nicht mit auf den Weg gegeben.

1945 fehlte es an fast allem

Von dem, was uns heute zum Gelingen von Schule zu Recht als unerlässlich erscheint, fehlte es damals nahezu an allem: Aufgrund der Beschlagnahmung des Schulgebäudes für die Unterbringung von Besatzungstruppen und displaced persons verfügte man zunächst nicht einmal über eigene Räume und musste das Gebäude der inzwischen wiedereröffneten Liebfrauenschule mitnutzen. Erst 1949 konnte das Gymnasialgebäude in der Darmstädter Straße wenigstens teilweise wieder bezogen werden. Aber immer noch gab es Bauschäden, fehlten Möbel, Unterrichts- und Schreibmaterialien sowie Lehrkräfte.  Zugleich musste man solch existenziellen Problemen gerecht werden, wie der Unterernährung der Schüler oder der Integration von Kindern, die durch Flucht und Vertreibung an der Bergstraße eine neue Heimat zu finden hofften.

Der Neuanfang begann mit 228 Schülern und 16 Lehrkräften, jedoch zunächst mit einem nur improvisierten schulischen Programm. Das im Dritten Reich in eine Oberschule für Jungen verwandelte Gymnasium wurde zwar im Oktober 1945 offiziell als Realgymnasium wiedereröffnet, aber Kozelka erhielt bei den Behörden die mündliche Erlaubnis für die Einrichtung eines altsprachlichen Zweiges. Ab 1948 durfte sich die Schule auch offiziell als Gymnasium und Realgymnasium bezeichnen.

Priester, Lehrer, Kulturpolitiker

Welcher Geist bewegte diesen pädagogischen Pionier der Stunde Null? Und welche Grundhaltung hatte Leo Kozelka darin bestärkt, seine Opposition zum Nationalsozialismus ungeachtet der drohenden Folgen öffentlich zu bekennen?

Erste Antworten gibt seine Biographie. Leo Kozelka wurde 1916 in Mainz zum Priester geweiht und wirkte danach als Kaplan in Heppenheim und Mainz. Auf Kosten der Diözese wurde er von 1917 bis 1923 zum Lehrer für Latein, Griechisch und Geschichte ausgebildet. Dem Studium in Freiburg folgte die Promotion in München. 1924 nahm er seine Tätigkeit am Bensheimer Gymnasium als einer von zwei Benefiziaten auf. Hinter den Benefiziaten – es waren immer geweihte Priester – stand die katholische Kirche, die ihre Macht und den religiösen Einfluss im Gymnasium sichern wollte. Sichtbar wird dies z.B. Jahr 1933, als Kozelka im Widerstand gegen seine Entlassung durch die NS-Behörden Unterstützung von der katholische Kirche erhielt. Das Bischöfliche Ordinariat Mainz erhob am 8. Mai 1933 Einspruch zugunsten Kozelkas und berief sich dabei ausdrücklich auf die Tradition der Benefiziaten und die ursprüngliche Rolle der katholischen Kirche als alleiniger Schulträger des Bensheimer Gymnasiums. Aufgrund der Intervention des Kardinalstaatssekretärs Pacelli wurde Kozelka letztlich nach einem Jahr als Religionslehrer am Wormser Gymnasium wieder in den Schuldienst aufgenommen. Persönlicher Mut und ein aufrechtes Eintreten für die eigenen Überzeugungen beruhten im Falle Kozelkas offensichtlich stark auf seinem religiösen Selbstverständnis und der kirchlich-institutionellen Verankerung.

Daneben zeigte sich Kozelka bereits in den 1920er Jahren als ein kampferprobter Verfechter kulturpolitischer Positionen. Er präsentierte sich als ein leidenschaftlicher Befürworter einer konfessionell orientierten Pädagogik und als ein entschiedener Gegner der Simultanschule, d.h. der Gemeinschaftsschule für Kinder aller Konfessionen, die in der Epoche der Weimarer Demokratie starke Befürworter fand. Er bekämpfte die Verweltlichung der Gesellschaft durch liberale Fortschrittler, aber auch die Anhänger einer deutschen Nationalreligion. Er sah vor allem die Schule als das Zentrum eines Kampfes um das leibliche und seelische, das irdische und ewige Heil der heranwachsenden Generation. In geradezu missionarischem Ton beschwor Kozelka die Gefahr eines neuen Kulturkampfs. Nur die Bekenntnisschule sei imstande, einen sicheren Damm gegen die anstürmenden Fluten des Unglaubens und gegen den drohenden sittlichen Verfall unseres Volkes zu bieten.

Strenge Ideale

Aufrichtigkeit, religiöse Verwurzelung, politisches und pädagogisches Engagement sowie die Ausrichtung der persönlichen Erziehungsvorstellungen an einem strengen Sittlichkeitsbild mögen wesentliche Grundzüge der Persönlichkeit Kozelkas gewesen sein, die letztlich einmündeten in ein offenbar stark paternalistisches Erziehungsmodell:

Wenn sich beispielsweise die Schüler im Rahmen ihrer Klasse im Schulhof aufstellen und unter Schweigen in ihre Klassenräume begeben mussten, genügte meist der Aufblick zum Direktor, der am Geländer des 1. Stockes stand – wie ein Kapitän auf seiner Kommandobrücke –, um die entsprechende Ruhe und Ordnung zu gewährleisten.

(Stefan Mitze)

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