Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Als Doris von Werner 1961 am AKG ihre Abiturprüfung bestand, war sie buchstäblich ein Unikum: Sie war das einzige Mädchen unter den insgesamt 24 Abiturienten. Mädchen an Gymnasien sind nämlich nicht nur in Bensheim eine recht junge Erscheinung. Erst seit gut 100 Jahren dürfen sie in Deutschland die Abiturprüfung ablegen. Deshalb haben vor dem Ersten Weltkrieg nur dreizehn Mädchen das Bensheimer Gymnasium besucht.

Obwohl in der Weimarer Republik die Koedukation möglich war, kamen nur noch wenige Mädchen hinzu, zum einen, weil das Abitur nach 1919 auch an den bisherigen Höheren Töchterschulen erworben werden konnte, und zum anderen, weil im Dritten Reich die Koedukation wieder aufgehoben wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Mädchen am AKG nur dann aufgenommen, wenn sie sich für Latein – und nicht für Englisch – als erste Fremdsprache entschieden. Nicht zuletzt deshalb besuchten bis 1960 nie mehr als 10 Mädchen das Gymnasium. Erst unter Direktor Bernhard Steiner stieg die Zahl der Mädchen bis 1980 auf ein Drittel der Schülerschaft an. Steiner setzte gezielt auf eine Öffnung der Schule für alle Bildungswilligen und –fähigen und somit selbstverständlich auch auf die Mädchen.

Zuvor war es seit Mitte des 19. Jh. besonders wohlhabenden Bürgern möglich, ihren Töchtern eine höhere Mädchenschulbildung zukommen zu lassen.  Diese Bildung erreichte jedoch nicht das Niveau des Gymnasiums und gewährte keinen Zugang zur Universität. In Bensheim gab es sogar zwei Höhere Töchterschulen: das seit 1858 bestehende katholische Institut der Englischen Fräulein, die heutige Liebfrauenschule,  und die 1872 in Kulturkampfzeiten von der protestantischen Oberschicht gegründete Höhere Töchterschule, die Vorgängerin des Goethe-Gymnasiums.

1906 kamen die ersten Mädchen ans AKG

Die ersten Mädchen am Gymnasium waren Auguste und Luise Flegler, Töchter des evangelischen Seminarlehrers Wilhelm Flegler. Sie traten Ostern 1906 in die Sexta bzw. Quinta ein. Die erste Abiturprüfung eines Mädchens legte Johanna Steiner im März 1910 ab. Sie war die Tochter des Schwanheimer evangelischen Pfarrers. Von den dreizehn Mädchen bis 1914/15 waren 7 evangelisch und 6 katholisch. Die meisten hatten vorher, auch wenn sie katholisch waren, die protestantische Höhere Töchterschule besucht oder Privatunterricht erhalten. Keines der Mädchen kam vom katholischen Institut der Englischen Fräulein. Die Eltern dieser Mädchen gehörten durchweg zum Bildungsbürgertum. Die Väter waren Pfarrer, Lehrer und Ärzte.

1952 als eines von vier Mädchen in die Sexta aufgenommen

Auch Dr. Doris von Werner stammt aus einem bildungsbewussten evangelischen Haushalt. Nachdem der Vater, ein Jurist, 1943 an der Ostfront gefallen und die Mutter mit der damals zweijährigen Tochter aus Köln nach Bensheim gezogen war, entschloss sie sich, die Tochter 1952 in den humanistischen Zweig des Gymnasiums einzuschulen. Doris von Werners Mutter, die selbst aufgrund ihrer Heirat ein Medizinstudium abbrach und die kleine Familie nun zunächst mit Näharbeiten und dann als Sachbearbeiterin am Kreisgesundheitsamt durchbrachte, entschied sich für diese Schule, weil sie deutlich als beste Schule in Südhessen galt. Zudem bot sie im humanistischen Zweig im Ansatz Koedukation, was der in einem reinen Frauenhaushalt aufwachsenden Doris den Kontakt zu männlichen Erziehungsvorbildern sichern sollte. Ausschlaggebend waren wohl die Bildungsambitionen auch für die Frauen in der Familie; eine Großtante legte als eine der ersten deutschen  Akademikerinnen ihr Examen in Hamburg ab und arbeitete als Kinderärztin in Köln. 

Als Doris nach einer fünftägigen Aufnahmeprüfung (!), die nur die Hälfte von insgesamt 200 Kindern bestand, in die Sexta des Gymnasiums aufgenommen wurde, war sie eines von vier Mädchen. Nach der Sexta wurde erneut kräftig gesiebt, so dass ein Mädchen sowie ein Drittel der Klassenkameraden die Schule verlassen mussten. Nachdem zwei weitere Mädchen weggezogen waren, fand sich Doris von Werner ab der Obertertia (9. Klasse) bis zu ihrem Abitur 1961 alleine in der Jungenklasse wieder.

Anfänge der Koedukation am AKG

Doris von Werner verstand sich gut mit ihren Klassenkameraden, die sie wie ihresgleichen behandelten, weder mit besonderer Rücksichtnahme noch als möglichen Flirt. Am Sportunterricht durfte sie nicht teilnehmen, da ihr vermutlich das Geräteturnen an Sportgeräten für Jungen nicht zugemutet werden sollte, am Schwimmunterricht im Sommer jedoch schon. Als Ausgleich ging sie zum Ballettunterricht und kam so in den Kontakt mit gleichaltrigen Liebfrauenschülerinnen. An der Abschlussfahrt der Prima nach Wien konnte sie nur teilnehmen, weil Schulleiter Dr. Kozelka kurzerhand seine Sekretärin als Anstandsdame mitnahm.

Die Teilnahme an den jährlichen fünftägigen Wanderungen war dagegen kein Problem: Die Landschulheime hielten getrennte Schlafräume für Jungen und Mädchen bereit. Eine für ihre besondere Situation beispielhafte Episode sei hier erinnert: An einem schnee- und eisreichen Vormittag machten sich die Schüler einen Spaß daraus, mit den Schuhen bei ihrem Gänsemarsch ins Schulgebäude am wachsamen Direktor Kozelka vorbei den Schnee spritzen zu lassen. Empört ließ Dr. Kozelka das einzige Mädchen wissen, dass er das von ihr aber nicht erwartet habe.

Als Agrargeographin für die UNO weltweit unterwegs

Ihren imposanten Werdegang als Mitarbeiterin der Ernährungs- und Landwirtschaftsbehörde der UN (FAO), zuständig für Planung und Durchführung von landwirtschaftlichen Projekten in Afrika und Asien, nach einem Studium in Deutsch, Englisch und Geographie in Heidelberg, Kiel und Bristol mit anschließender Promotion in Agrargeographie am Südostasieninstitut in Heidelberg führt Frau Dr. von Werner auch darauf zurück, dass die Lehrer am AKG ihr Interesse an der weiten Welt wecken konnten. Im Rahmen ihrer Tätigkeit für die FAO war sie immer wieder, zum Teil mehrere Jahre, in mehreren Ländern Süd- und Südostasiens sowie Afrikas tätig. - Doris von Werner hat ihren Wohnsitz in Bensheim nie aufgegeben.

(Andrea Klein)

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