Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Das Bensheimer Gymnasium war in seinem Selbstverständnis lange Zeit ein katholisches Institut. Allerdings nahm der Anteil protestantischer Bürger in Bensheim im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zu, so dass 1852 ein evangelisches Pfarramt gegründet wurde. In den ersten Monaten betreute Pfarrverwalter Steinberger zu Auerbach vorläufig die Amtsgeschäfte, bis im Herbst 1852 Pfarrverwalter Gustav Schlosser die Leitung der Gemeinde und den Gottesdienst, der bis zur Fertigstellung der Michaelskirche im Jahre 1863 im Dalberger Hof gefeiert wurde, übernahm. In der von Heinrich Dinges verfassten Schulchronik heißt es: Die evangelischen Schüler des Bensheimer Gymnasiums erhielten ihren Religionsunterricht in der ersten Zeit des Bestehens einer evangelischen Pfarrei – 1852 bis 1854 – gemeinsam mit den Stadtschülern. Erst am 13. Januar 1854 wurde Gustav Schlosser auch am Gymnasium als Religionslehrer eingeführt. Er erteilte 4 Stunden wöchentlich gegen eine jährliche Renumeration von fl. 100.“

Die beiden Konfessionen, Katholiken und Protestanten, kamen in jener Zeit keineswegs gut miteinander aus. Die Anfänge des Kulturkampfes zeigten sich in Bensheim wie im gesamten Großherzogtum Hessen. Ein Jahr zuvor, 1853, war der am Gymnasium unterrichtende katholische Benefiziat Dr. Franz Blümmer zum protestantischen Glauben konvertiert, woraufhin eine vom Mainzer Bischof von Ketteler eingerichtete Kommission unter Leitung von Christoph Moufang die religiösen Zustände am Gymnasium untersuchen sollte. (Siehe dazu auch das Porträt Christoph Moufangs.) Im Rahmen dieser Untersuchung wurde auch der gerade eingeführte neue evangelische Religionslehrer Gustav Schlosser kritisiert, weil er in seinem Unterricht Vorurteile gegen die katholische Kirche geschürt und die religiösen Gefühle der katholischen Bensheimer verletzt haben soll. Tatsächlich wurde Schlosser schon Ende 1854 ins benachbarte protestantische Schönberg versetzt, so dass er nun nicht mehr für den evangelischen Religionsunterricht am Gymnasium zuständig war.

Wer war nun dieser Gustav Schlosser? Geboren wurde er am 31. Januar 1826 in der oberhessischen Kleinstadt Hungen. Von 1843 bis 1847 studierte er in Gießen Theologie und war Mitglied der eher radikalen Reform-Burschenschaft Allemannia beziehungsweise deren Untergliederung Frankonia. Am Ende seiner Studienzeit war er in eine der berühmtesten studentischen Aktivitäten in der hessischen Vormärz-Zeit verwickelt: den Auszug der Gießener Studenten nach Stauffenberg. Die Gießener Studenten erregten sich im Sommer 1846 über einen polizeilichen Willkürakt, protestierten dagegen, und weil sie das Gefühl hatten, dass die ihnen gemachten Zusagen nicht eingehalten werden, griffen sie zum schärfsten Mittel, dem zeitweisen Auszug aus der Stadt, womit sie die Gießener Geschäftswelt empfindlich trafen. Zu den Organisatoren des Protestes gehörten der spätere radikale 1848er Rudolf Fendt, der jüngere Bruder Georg Büchners, Ludwig Büchner, und vor allem auch Wilhelm Liebknecht, der spätere Mitgründer der SPD. Am Ende wurden die studentischen Organisatoren vor‘s Discipel citirt. Das Universitätsgericht ging mit den Studenten nicht zimperlich um. Gustav Schlosser wurde für ein halbes Jahr von der Universität relegiert. Wilhelm Liebknecht musste sie gar ganz verlassen.

Gustav Schlosser konnte seine Strafe verkraften, weil er sein Studium im Grunde schon abgeschlossen hatte. 1847 wechselte er auf das für künftige evangelische Pfarrer obligatorische Predigerseminar in Friedberg, wo es bei ihm, wie sein Biograph Ulrich Kammer schreibt, zu einer entschiedene[n] Wendung zum bibeltreuen Luthertum und [zu] erste[n] Berührungen mit Anfängen christlicher Diakonie kam. Gustav Schlosser war auch ein Aktivist der Revolution von 1848, allerdings nicht im demokratisch-republikanischen Sinne. Vielmehr setzte er sich für eine Wiederbelebung der protestantisch-christlichen Gemeinden und eine Erneuerung des deutschen Kaisertums ein. 

Die Jahre 1848 bis 1852 verbrachte er in Darmstadt, wo er zum Mitgründer des Missionsvereins wurde, 1850 die ,Politisch-kirchlichen Blätter‘ heraus[gab] und ein christliches Knabeninstitut [eröffnete]. Schlosser proflilierte sich als konservativer Anhänger der Inneren Mission

Es folgten die Jahre in Bensheim, in der katholischen Diaspora, in denen er ebenfalls selbstbewusst seine lutherisch-konservative Überzeugung im Sinne einer inneren Mission umzusetzen versuchte. Das kann man der oben angesprochenen Untersuchung der religiösen Zustände am Bensheimer Gymnasium entnehmen. 

Zwischen 1854 und 1864 war Schlosser als Hofkaplan in Schönberg tätig. Dann zog er bis 1873 noch etwas weiter in den Odenwald hinein, nach Reichenbach nämlich. In den Jahren 1855 bis 1875 gab er das ,Kirchenblatt‘ als Organ der bekenntnistreuen Lutheraner in Hessen heraus und übt[e] hierin und in Einzelschriften heftige Kritik am bürokratischen Kirchenregiment und theologischen Liberalismus im Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Gustav Schlosser war eine weit über seine Pfarreien in Bensheim, Schönberg und Reichnbach hinaus bekannte protestantische Persönlichkeit. Das brachte ihm im Jahre 1871 einen Ruf nach Bethel ein, den an seiner Stelle dann Friedrich von Bodelschwingh annahm. 1873 trat Schlosser aus dem Kirchendienst aus und wechselte nach Frankfurt, wo er die geistliche Leitung des Evangelischen Vereins für Innere Mission übernahm. Im Rahmen seiner Tätigkeit dort schrieb er Bücher mit Titeln wie Welche sozialen Verpflichtungen erwachsen dem Christen aus seinem Besitz? Oder Die Vagabunden-Noth. Er hatte wegen seines Einsatzes für die Wiedereingliederung bettelnder Obdachloser, aber auch wegen seiner rastlosen diakonischen Tätigkeit im ganzen Deutschen Reich für Prostiutierte und Verwahrloste den Spitznamen Reichs-Vagabund. Schlosser soll sowohl mit Friedrich von Bodelschwingh als auch mit dem Berliner antisemitischen Hof- und Domprediger Adolf Stoecker gut befreundet gewesen sein. Wie es um den Antisemitismus Schlossers aussah, ist bisher nicht erforscht, in der Freundschaft mit Stoecker aber angedeutet. Den Liberalismus Friedrich Naumanns, seines Nachfolgers im Amte des Vereinsgeistlichen der Inneren Mission, lehnte er leidenschaftlich ab.

Gustav Schlosser starb am 1. Januar 1890 in Frankfurt an einer Grippeinfektion.

Matthias Gröbel

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