Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

AKG: Deutsch Theater-AG führte das Stück „Nichts“ auf, das auf dem gleichnamigen Roman von Janne Teller basiert

Von unserem Mitarbeiter Daniel Schmitt

Bensheim. Die Kombination von Ort und Zeit fiel unglücklich aus: Ausgerechnet während der ersten „Hitzewelle“ dieses Jahres führte die Deutsch Theater-AG des AKG ihr neues Stück „Nichts“ auf – im stickigen Speichertheater unter dem Dach. Dem allgemeinen Interesse tat das jedoch keinen Abbruch: Die Zuschauerränge waren während der drei Aufführungen von Dienstag bis Donnerstag gut gefüllt.

Das Publikum sah eine je rund einstündige Vorstellung des elfköpfigen Schüler-Ensembles unter der Leitung von Hans Schuller. Es handelte sich um die Inszenierung des gleichnamigen Romans von Janne Teller. Im Kern des philosophisch angehauchten Stücks geht es um den Sinn des Lebens. Mit anderen Worten, um „Bedeutung“ – ein Begriff, der darin fast im Minutentakt fällt. 

Gibt es Bedeutung? Und wenn ja, was hat Bedeutung? Wenn es nach dem Schüler Pierre Anton geht, existiert sie gar nicht. Natürlich widersprechen ihm seine Mitschüler da vehement – der schrullige Außenseiter redet ohnehin jede Menge Unsinn: Im Leben sei alles „egal“. Auch die Schule, die er verlässt, denn was danach kommt, sei ja ebenso bedeutungslos. Das wollen die anderen Jugendlichen nicht wahrhaben, auch wenn es ihnen irgendwie ein mulmiges Gefühl gibt. 

Ein Berg der Bedeutung

Um ihn – oder vielmehr sich selbst – vom Gegenteil zu überzeugen, schließen sie sich in einem Geheimbund zusammen, mit dem alten Sägewerk als Treffpunkt. Ihre Idee: „Bedeutung“ sammeln. Jeder bringt Dinge von persönlicher Bedeutung mit und opfert sie auf dem „Berg der Bedeutung“. Bald merken sie, dass man dafür bereit sein muss, sich auch von seinen liebsten Schätzen zu trennen. Einer nach dem anderen muss etwas abgeben – womit sich die Betroffenen zunehmend schwertun. 

Doch weil jeder seinen Nachfolger und dessen Opfergabe selbst bestimmen darf, tun unterbewusste Rachegelüste bald ihr Übriges: Für das eigene Leid soll der Nächste noch schlimmer leiden. Die Opferungen eskalieren – und auf relative harmlose Dinge wie Smartphone, Tagebuch und Adoptionsurkunde folgen schließlich Misshandlung, Enteignung und Verstümmlung: Sophie muss ihre jungfräuliche Unschuld opfern und die talentierte Gitarristin Johanna ihren Zeigefinger. Ole wird gezwungen, den Sarg seiner verstorbenen Schwester auszugraben, Gerda muss ihrem Hund den Kopf abschlagen. Alles nach dem Gesetz: „Für die Bedeutung!“ 

Als Johanna das Schweigen bricht, gebieten die Eltern dem Treiben Einhalt. Für die Schüler kehrt der graue Alltag wieder ein. Doch dann haben sie die Idee, die Presse zu informieren – und kommen am Ende sogar in die Tagesschau. Letztendlich erhalten sie für ihren „Berg“ ein Angebot von über drei Millionen Dollar von einem renommierten Kunstmuseum. 

Kurz bevor das zweifelhafte Kunstwerk abgeholt wird, taucht Pierre-Anton wieder auf. Für den vermeintlichen „Beweis“ von Bedeutung hat er nur Spott übrig. Selbst wenn sie existiere, Bedeutung könne man nicht verkaufen. Der Berg beweise gar nichts, er sei „egal“. Das Experiment der Mitschüler hat sein Ziel verfehlt. Alle haben enorme Entbehrungen auf sich genommen – vergebens. Kein Wunder, dass sie wütend werden. In ihrer Raserei lynchen sie Pierre-Anton. Um ihre Spuren zu verwischen, brennen sie das Sägewerk nieder. So endet das Stück. 

Nihilistisch und deprimierend?

Absurd ist die Geschichte allemal. Übertrieben grausam – auch das darf man meinen. Nihilistisch und deprimierend? Der Autorin des Romans ist dies oft vorgeworfen worden. In manchen europäischen Ländern ist er als Schullektüre verboten. Tellers Werk ist in der Öffentlichkeit höchst umstritten. Doch der Ausgang der Geschichte legt auch positivere Schlussfolgerungen nahe, die die zentrale Frage nach der Bedeutung durchaus bejahen: Hätten die Schüler den ewigen Verneiner Pierre-Anton getötet, wenn wirklich alles egal gewesen wäre? Wohl kaum, denn ihre Wut war vor allem die Wut über sinnlose Verluste. Und Verluste waren es, weil sie sich mit ihren Opfern von bedeutungsvollen Schätzen trennten. Auch wenn Pierre-Anton stets das Gegenteil predigte: Sein Tod erbrachte den Beweis. 

Die Darsteller der Deutsch Theater-AG sind Schüler der Mittelstufe des AKG. Mit dem Stück haben sie sich viel zugetraut: Der Stoff ist ebenso kontrovers wie tiefschürfend. Doch die Umsetzung konnte sich sehen lassen. Die Schüler sind der Ernsthaftigkeit der Thematik gerecht geworden, von ihren schauspielerischen Leistungen ganz zu schweigen. Bei recht ausgeglichenen Redeanteilen waren alle Rollen mit viel Text verbunden. Zugleich verlangten die Charaktere von den Darstellern ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen. Dabei vermittelte keiner den Eindruck, bloß auswendig vorzutragen: Alle spielten mit einer gehörigen Portion Leidenschaft.

Mitwirkende Ensemble: Claire Paasche als Agnes, Paul Berg als Matthäus, Zoe Raphael als Aylin, Meike Lichter als Gerda, Anton Janulevicus als Nachrichtensprecher, Polizist, Postbote, Danny Uhle als Hans, Antonia Pesch als Marie Ursula, Jan Philipp Mischler als Ole, Caroline Probst als Johanna, Julian Philipp Hirsch als Pierre Anton, Hanna Helbig als Sofie

Drehbuch: Hans Schuller, Hannah Helbig und die ehemalige Klasse 8c

Regie: Hans Schuller und die Theater AG.

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