Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim

Gymnasium mit altsprachlichem Zweig
Schule mit musikalischem Schwerpunkt
Partnerschule des Leistungssports

Die Verabschiedung der Abiturient*innen am AKG geschah in zwei Etappen

Anfang März schien noch das alles beherrschende Thema die Frage zu sein, wer mit wem zum Abiball einläuft — ist das nur ein Gerücht, dass Niklas Jenny gefragt hat? Carolin und Ann-Cécile? Luc und Georg? — wer hat noch niemand zum Einlaufen? Drei Monate später zeigt sich, dass zumindest diese Sorge unbegründet war: Es gibt kein gemeinsames Einlaufen, die Stühle stehen auf Abstand in der Mensa des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums, einen Abiball wird es nicht geben.

Aber ein sehr würdevoller Abschied aus der Schullaufbahn muss doch möglich sein. Das hatte sich die Schulleitung und die Oberstufenleitung fest vorgenommen und ziemlich schnell wurde eine Idee umgesetzt. Am Freitag sollten der komplette Abiturjahrgang und die Tutoren die Möglichkeit bekommen sich voneinander zu verabschieden. Am Samstag stand in einer akademischen Feier die Verleihung der Abiturzeugnisse im Mittelpunkt.

Die Gefühle vor beiden Veranstaltungen waren gemischt: Gewiss ist die akademische Feier immer eine etwas steife Angelegenheit, aber mit so viel Distanz, die Hygienebestimmungen im Nacken — kein Orchester, wie sonst üblich, kein Chor…? Nicht einmal alle Lehrer dürfen anwesend sein, um die Abstands- und Hygieneregeln zu erfüllen. Mit dem Eintreffen auf dem Schulgelände sind am Freitag die Bedenken verflogen. Dann beginnt die Moderation. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Schulleiterin Frau Wölbern beginnen Anton Janulevicus und Mara Arzberger mit ihrer Rede für die Abiturienten: Ein Rückblick auf die gemeinsame Schulzeit, wie die Klassen als Stufe zusammengewachsen sind — und was in diesem Jahr alles anders war als erwartet. „Neue Begleiter in der Schule fanden sich: Mundschutz, Desinfektionsmittel.“ Manche Ideen konnten unter diesen Umständen nicht in die Tat umgesetzt werden, der Abisturm genauso wenig wie die Mottowochen, denn die Abiturent*innen durften nur noch zu den Prüfungen in die Schule. Am 12. März hatte man die letzte gemeinsame Veranstaltung. Niemand rechnete damit, dass es für mehr als drei Monate keine weitere Zusammenkunft geben sollte.

Ein Trost sind die zahlreichen Videobotschaften, die die unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer für die jungen Leute parat haben. Neben einigen privaten Einblicken, die für Erheiterung sorgen, sind eine Tagesschau-Parodie, sportliche Darbietungen und natürlich viele gutgemeinte Ratschläge die Highlights. Anschließend zeigen die Kurse die Videos von der Kursfahrt. Ein bisschen Wehmut kommt vermutlich bei dem einen oder anderen auf, wenn er die Bilder von Nähe und Gemeinschaft sieht — wie die Schüler*innen zusammen in den Zimmern sitzen, im Dutzend auf Betten oder sich gegenseitig in den Arm nehmen, während jetzt die Sitznachbarin nicht einmal mit den ausgestreckten Armen zu erreichen ist.

Fröhlichkeit dominiert dann beim Raten der Lehrerzitate: Die Schulleiterin muss gegen den Oberstufenleiter antreten. Welcher Lehrer hat wohl gesagt: „Ein Dreieck hat vier Ecken?“ und wer war nur aus Geldnot Lehrer geworden? Mit viel Diplomatie und Humor nehmen Frau Wölbern und Herr Dr. Boysen-Stern die Herausforderung an. Am Ende gewinnt Frau Wölbern das Duell standesgemäß mit 5:4, auch wenn sie in der letzten Runde leicht im Vorteil ist, denn das letzte Zitat kommt, auch wenn es niemand erwartet hätte, aus ihrem Munde. Anschließend werden die Awards der Schülerschaft verliehen. So viel sei vor dem Erscheinen der Abizeitung verraten: Carolin Marquard und Ann-Cécile Kannengießer durften zwar nicht zusammen einlaufen, bekommen aber den Preis für „beste Freundinnen“. Unter den insgesamt 53 Kategorien finden sich weitere interessante Preise, beispielsweise für den „coolsten Style“ (Joel Wiebe) oder „das schönste Lächeln (Clara Jakobi).

Daran schließen sich nahtlos die Auszeichnungen der Schulgemeinde an. Die begehrte AKG-Medaille „Pro Virtute et Prudentia“ geht an Céline Gärtner, die mit einem Abiturschnitt von 1,0 nicht nur „Prudentia“, sondern auch mit ihrem vielfältigen Engagement in der SV sowie bei unzähligen anderen Gelegenheiten in und außerhalb der Schule gezeigt hat, dass sie mehr „Virtus“ besitzt als alle (männlichen) Konkurrenten — auch wenn der lateinische Begriff eigentlich mit „männliche Tugend“ übersetzt werden müsste.
Die Walter-Renneisen-Medaille für außergewöhnliche schauspielerische Leistung wird Adeline Schürmann verliehen. Schon im vergangenen Jahr hatte sie in der Hautrolle der Kay in Priestleys „Time and the Conways“ die Theaterbesucher emotional tief berührt. Auch in diesem Jahr hätte sie eine tragende Rolle in der Produktion von Shakespeares „Twelfth Night“ spielen sollen: Die Rolle der Herzogin Olivia. Aus bekannten Gründen konnte das Stück bisher nicht live vor Publikum aufgeführt werden, aber die Video-Premiere war ein großer Erfolg. (Die BAnane hat darüber berichtet.)
Den zum zweiten Mal verliehenen Sonderpreis für soziales Engagement bekommt Luc Chatelais von der Schulleiterin verliehen: Sie beschreibt ihn als streitbar, aber immer konstruktiv und natürlich enorm engagiert, unter anderem in der Bewegung „Fridays for Future.“

Eine besondere Ehrung erfährt zum Ende des ersten Tages Dr. Hans-Jürgen Boysen-Stern: Ein Abiturpulli wird dem scheidenden Oberstufenleiter, der sich unermüdlich für den Jahrgang eingesetzt hat, überreicht. Für seinen unermüdlichen Einsatz – nicht nur in schwierigen Zeiten - bekommt er langanhaltenden Applaus von allen Anwesenden.

Learning to fly – die akademische Feier und Überreichung der Abiturzeugnisse

Der Samstag wird dann noch ein wenig feierlicher. Die Tutorgruppen wurden so aufgeteilt und zusammengefasst, dass im Laufe des Tages insgesamt vier akademische Feiern mit Eltern in der Mensa des AKG stattfinden können. Unter enormem Aufwand und mit organisatorischer Mithilfe von Schulsekretärin Frau Schwarz werden die nacheinander ablaufenden Veranstaltungen stets hygienegerecht vorbereitet. Die FSJlerinnen und ein eigenes Putz- und Hygieneteam sorgen zwischen den 60-minütigen Veranstaltungen immer wieder für einen toll herausgeputzten Veranstaltungsort.

Frau Wölbern und Herr Dr. Boysen-Stern absolvieren im Laufe des Tages souverän und einfühlsam den Rede- und Moderationsmarathon. Die Eltern erhalten noch einmal einen Einblick in die DNA des AKG und merken, dass in dieser ganz viel Einfühlungsvermögen für die Belange der Schüler*innen steckt. Um es mit den Worten der Schulleiterin zu beschreiben: „Geplatzte Träume, unerfüllte Wünsche, fehlende Rituale – bleibt das als wesentliche Erinnerung an Ihr ABI und damit die Schulzeit? Ist dieser Moment heute weniger Wert, weil er anders ist als der geplante? […] Auch ohne die üblichen Rituale ist das diesjährige Abitur für jeden von Ihnen ein Erfolg. So wie es ist bleibt es wertvoll. So wie es ist, wird es immer Ihr einzigartiger Abschlussmoment der Schulzeit sein. Genießen Sie ihn! Keiner kann Ihnen diesen nehmen. Wir sollten bedenken: dass wir heute hier sind, ist mehr, als wir zwischendurch erwarten konnten. Das soll keine Schönfärberei sein, keine unterdrückte Enttäuschung darüber, dass Sie manche Momente nicht erleben konnten. Vielmehr ist es das, was man Ihnen sonst in der Abirede versucht hätte, zu verdeutlichen: Es ist das Leben.“

In den zahlreichen Reden der Tutoren, der Schüler und der Elternvertreter werden gekonnt Brücken zwischen vergangenen Highlights der Schulzeit und den Wünschen und Ratschlägen für die Zukunft gebaut. Ein Vorteil der Aufteilung in vier kleine Veranstaltungen kristallisiert sich heraus. Alle Redner finden eine gute Mischung zwischen Abstraktion und konkreten Beispielen. Sie können gezielter auf das ihnen bekannte Auditorium eingehen, die Aufmerksamkeit befindet sich im Dauerhoch. Dazu tragen auch die jeweils verschiedenen musikalischen Intermezzi bei, die nahe beim Thema des Tages bleiben und jeweils auf die Tutorengruppe abgestimmt sind.

Dann ist es soweit. Unter dem Applaus der Gäste erhalten die Abiturienten ihre Abiturzeugnisse und die besonderen Verdienste werden gewürdigt. Für Yannik Zipser gibt es eine besondere Überraschung. Er ist der letzte Abiturient, der in diesem Jahrgang sein Zeugnis bekommt und mit Nummer 2210 der letzte, den Oberstufenleiter Dr. Hans-Jürgen Boysen-Stern in seiner Laufbahn zum Abitur geführt hat. Nach diesem Hinweis in eigener Sache kullern einige Tränen bei ihm selbst und sehr viel Tränen bei den Schüler*innen des Sport-Leistungskurses, die soeben ihr Zeugnis erhalten hatten.

Und dann ist es plötzlich vorbei. Zwölf Jahre Schulzeit. Ohne Ball. Ohne Umarmungen. Ohne Küsse. Was hätte man sich gewünscht? Nicola Wölbern hatte es in ihrer Rede formuliert: „Abiball statt Maskenball, Nähe statt Distanz, Rausch statt Ernüchterung.“

Florian Krumb und Christian Roth

>  weitere Fotos gibt es in der Galerie Abi 2020